Es gibt Tage, an denen man viel erledigt, aber am Ende das Gefühl hat, nichts bewegt zu haben. Die To-do-Liste ist abgehakt, der Kopf ist voll, und trotzdem bleibt das diffuse Gefühl, dass irgendetwas fehlt. Mir ist irgendwann klar geworden, dass das der Moment ist, in dem ich zwar arbeite – aber nicht wirke.
Arbeit? (M)eine Definition.
Als Kind der 60er wuchs ich mit anderen Werten auf als ich sie versuchte, meiner Tochter zu vermitteln. „Das ist ein Schaffer!”, sagte mein Vater. Und sein Kopf nickte anerkennend. Er, selbst ein Kriegskind, das nur wenig Zeit in der Schule verbringen konnte, ging mit 15 Jahren in die Lehre als Maurer. Ein Händedruck wie ein Schraubstock, nach der Schicht ging es noch am eigenen Haus weiter. Wer viel arbeitete, galt etwas. Der Rest waren Faulenzer. Mit diesem Mind-set wurden wir Babyboomer großgezogen. Und genau deshalb war es für uns vollkommen normal, Arbeit so definieren: Aufgaben erledigen, Abläufe einhalten, Termine schaffen, Systeme am Laufen halten.
Das ist notwendig, zuverlässig und berechenbar. Ohne Arbeit fällt der Alltag auseinander.
Aber Arbeit allein erzeugt selten Identifikation. Sie stabilisiert – sie bewegt nicht.
Auch wenn mein Papa sich mit seiner Maurerarbeit sicher identifizieren konnte. In der Fabrik verdiente man mehr, also ging es genau dorthin. Niemand fragte nach Identifikation.
Was Wirken für mich ausmacht
Wirken entsteht, wenn das, was ich tue, einen Unterschied macht.
Nicht zwingend einen großen, nicht für die Welt. Oft reicht ein kleiner Unterschied, der für mich spürbar ist.
Wirken ist kein großes Konzept.
Es ist der Moment, in dem mein Tun Sinn ergibt, weil ich dahinterstehe – nicht, weil es im Kalender steht.
Wirken hat weniger mit Aufwand zu tun als mit Klarheit.
Mit dem Gefühl, nicht nur beschäftigt zu sein, sondern sichtbar.
Lass uns bei meinem Papa bleiben. Er hat sein Haus mit eigenen Händen gebaut. Damit hat er ganz sicher gewirkt. Für ihn war das kein abzuarbeitendes Projekt, sondern etwas, was er für seine zukünftige Familie erschaffen wollte. Er brauchte dafür nur sein erlerntes Wissen, Disziplin und das fertige Produkt vor Augen. Sein Wechsel in die Fabrik nahm ihm diesen Zauber. Er ging dorthin, um zu tun, was getan werden musste. Zeit gegen Geld zu tauschen. Aber er leuchtete nicht durch diese Arbeit. Wirken war unerwünscht. Er sollte arbeiten.
Wie ich den Unterschied bemerkt habe
Lange Zeit habe auch ich viel gearbeitet. Funktioniert, erledigt, geliefert.
Nach außen war alles korrekt, doch innen herzlich wenig Resonanz. Durch die neue Situation nach dem Tod meines Mannes, war funktionieren überlebenswichtig.
Der Unterschied wurde für mich sichtbar, als einzelne Dinge plötzlich hängen blieben:
ein paar Fragen in einem Workshop, den ich per Zufall gebucht hatte. Aber Zufälle gibt es ja nicht, oder?
Was möchtest du wirklich, wirklich tun? Was würdest du arbeiten, wenn du kein Geld dafür bekommen würdest?
Auf keinen Fall das, was ich gerade tat, soviel war sicher. Und wie das bei Workshops so ist, die Saat war gesät und ich konnte diese Frage nicht mehr aus meinem Gedächtnis löschen. Es war wie ein Brandzeichen auf der Haut.
Was möchtest du wirklich, wirklich tun?
Ich wusste es nicht. Aber mir war sofort klar, das, was ich tat, war es nicht. Es höhlte mich aus. Es war wie feuchter Nebel, der alles dämpft. Mein inneres Feuer erstickte langsam.
Ich suchte die Aufgabe, die sich nicht nach Pflicht anfühlte, sondern nach „Ja, das bin ich“.
Das waren keine großen Momente. Doch ich habe die Linie zwischen Arbeit und Wirken verstanden.
Was diese Erkenntnis für meinen Alltag verändert hat
Ich merke immer schneller, in welchem Modus ich unterwegs bin. Trotzdem sollte es noch viele Monate dauern, bis ich den Mut fand, etwas zu verändern.
Ein Schlüsselmoment dafür war das Schreiben meines eigenen Buchs. Es stand zwar in meiner Bucket-List, aber richtig ernst genommen habe ich das nicht. Vor einem Jahr ploppte der Wunsch wieder auf. Die Frage: Was möchtest du arbeiten, auch wenn du nicht dafür bezahlt wirst?
Ich schrieb mein Buch – und gestaltete es selbst, so, wie ich es all die Jahre zuvor für andere getan habe. Aber dieses Mal war es für mich. Ich schrieb auf der Couch, im Bett, am Schreibtisch, tagsüber, nachts, morgens nach dem Aufstehen. Und es fühlte sich nie nach Arbeit an. Es schenkte mir Energie, auch wenn mein Rücken schmerzte und meine Augen brannten.
Ich verstand endlich:
Arbeit erschöpft, wenn sie überhandnimmt.
Wirken gibt Energie zurück, ohne dass ich dafür mehr tun müsste.
Es fühlt sich stimmiger an. Aufgeräumter. Konzentrierter.
Heute brauche ich beides – Arbeit, die trägt, und Wirken, das Sinn macht.
Aber jetzt achte ich mehr darauf, wie viel Platz jedes davon bekommt.
Warum diese Unterscheidung hilfreich ist
Es gibt Lebensphasen, in denen es wichtig ist, sich an Pläne, To-Do-Listen und nackte Arbeit zu halten. Und es gibt Phasen, in denen das Wirken sein darf. Mein Papa hat sich damals entschieden, als sein Haus gebaut war, in der Fabrik zu arbeiten. Er konnte mit regelmäßigen Arbeitszeiten und einem höheren Einkommen seine Familie gründen. Ins Wirken kam er, wenn er seiner Leidenschaft, dem Handwerk nachkommen konnte. Sein Körper hat zwar einen hohen Preis für sein Wirken bezahlt, aber er war innerlich ausgefüllt, wenn er auf ein neues Bauprojekt zurückblicken konnte. Einen Zustand, den er in der Fabrik nie erreicht hatte.
Dieser Beitrag soll weder zur Selbstoptimierung noch zur Selbstausbeutung aufrufen, weil sich Wirken nicht immer nach Arbeit anfühlt. Nimm ihn als Beobachtung.
Der Anteil von Arbeit und Wirken im Leben verändert sich immer wieder – oft unbemerkt.
Es lohnt sich, sie ab und zu für sich selbst zu prüfen, in welchem Bereich man sich gerade befindet und ob wir Energie geschenkt bekommen oder genommen.
Fazit
Arbeit hält den Alltag stabil – Wirken macht ihn sinnvoll. Aus meiner Sicht gehört beides gehört zusammen. Der Unterschied entsteht nicht im Kalender, sondern im Inneren – exakt dort, wo wir spüren, ob wir gerade funktionieren oder ob wir uns in dem wiederfinden, was wir tun.
